Thomas Behling

Danke Gott und sei zufrieden

Thomas Behling zeigt in der Bremer Galerie des Westens Heiligenbilder und Erscheinungswölkchen.
Von Rainer Beßling (Erschienen am 11. September 2008 in der Kreiszeitung: Achimer Kreisblatt, Verdener Aller-Zeitung, Diepholzer Kreisblatt, Sulinger Kreiszeitung, Wildeshauser Zeitung, Thedinghäuser Zeitun)

Gierig schlingt er die glänzenden Kugeln in sich hinein. Nur eine schwarze Silhouette, hockt der „Goldbällefresser“ (2007) wie ein Gefangener in seinem verglasten Schaukasten. Das Edelmetall quillt ihm aus den Augen, Selige Erleuchtung sieht anders aus.

Dem Gold, das sich das schwarze Wesen hier einverleibt, begegnen wir in Thomas Behlings Ausstellung in der Bremer GaDeWe viele Male. Es umkreist eine kaum sichtbare, von jedem guten Christen aber leicht zu ergänzende Figur in einem mit Kunstblumen bekränzten Rahmen. Es gibt einem kauernden Etwas Halt, das wie ein nasser Sack schwebt und eher erschöpft als erhaben die Hand segnend himmelwärts reckt.

„Heiligenschrein“ und „Heiligenbild“ heißen die in Schaukästen oder Rahmen gefassten Malereien, Blätter und Objekte. Religiöse Motive beherrschen die Ausstellung des 29-jährigen Bremers. Der Titel deutet an, dass Behlings Verhältnis zum christlichen Gedanken Fragen und Schmunzeln zumindest offen lässt: „Wenn du noch Mut hast, so danke Gott und sei zufrieden“.

Der mit Patina, Staub und vergangener Schlichtheit beladene Satz ist wie auch viele Exponate der Schau ein Fundstück, das eine Bearbeitung durch den Künstler erfuhr ("Das Mädchen und der Schwarze Mann" 2006). Ein im 19. Jahrhundert beliebtes Motiv für die kleinbürgerliche Wohnstubenwand beispielsweise kreuzt Behling mit einem hochromantischen Topos: „Christus anklopfend“ (2008) löst sich nach Ausschleifen des alten Kunstdrucks wolkig fast auf. Das Bild hängt einer Acrylmalerei mit dem Titel „Erscheinungswölkchen“ (2008) gegenüber, in dem sphärischer Dunst wie eine spirituelle Blase über mächtigem Nadelwald thront. Naturreligiosität in schönstem Romantikerzitat – natürlich löst die Malerei von heute in dem Rahmen von gestern mit dem Pantheismus von vorgestern auch Heiterkeit aus. Doch von Provokation oder Pointengier auf Kosten des Glaubens und der Gläubigen ist Behlings Kunst weit entfernt. Es spricht eher themengemäßig Wundern über Wesen, Macht und Herkunft des Spirituellen aus den Arbeiten.

Selbst ein onanierendes Paar auf einer Parkbank unter Blumenbusch und Sternenhimmel blickt so ernst und verloren in die abendliche Welt, dass sich die Hoffnungssentenz am Fuße des Bildes nicht nur sarkastisch lesen lässt: „Gott segne Eure Liebe!“ (2007). Beispielhaft für viele andere formale Raffinessen, mit denen Behling Material und Technik in den inhaltlichen Reibungen mitsprechen lässt, ist eine Programmlichterkette, die hinter der naiv-realistischen Malerei im überladenen Zierrahmen blinkt.

Treten die Repräsentanten höherer Wohlfahrt und spiritueller Verheißung in schwierigen Rollen und oft einigermaßen malade auf, ist es um die Zielgruppe der frohen Botschaft auch nicht nur zum Besten bestellt. Vorzugsweise treten die niederen Wesen als Scherenschnitte oder ausgemalte Silhouetten wie in die Welt geworfene, aus der Welt gefallen oder in sich Gekrümmte und Hockende auf.

In eine Naturstudie zwischen kühner Realismusbehauptung und idealisierender Künstlichkeit purzelt eine schwarze embryonale Figur. Wie es um das viel beschworene und problematisierte Verhältnis zwischen Mensch und Natur aussieht, lässt sich in dieses schlichte Blatt umfassend hineinlesen ("Homage an Otto Quante" II, 2004).

Erbsünde, das Gewahrwerden und Bewusstsein der eigenen Schlechtigkeit und Niedrigkeit, das ganze Programm aus Furcht, Schuld, Sünde und Strafe, das die religiöse Verankerung des Daseins zu einer reichlich beladenen Angelegenheit macht, fasst Behling in einem „Gloria“ (2007) zusammen.

Aber auch vorchristliche Spiritualität wie der Mythos der „Antigone“ (2006) kommt zur Geltung. Eine Zeichnung mit diesem Titel zeigt ein Mädchen in Tracht, das furchtsam, aber entschlossen aufrecht und wahrhaftig aus seinen klaren Augen blickt. Antigone ist sie durch die Unerschütterlichkeit ihrer Haltung, die wir heute, wenn überhaupt noch, bei Kindern vermuten.

Behling greift in den großen Bilderfundus, den das Mitglied eines christlich geprägten Kulturkreises mit sich trägt. Dem Künstler ist es weniger wichtig, „Eigenes“ zu schöpfen und zu gestalten, „Ideen“ zu bebildern, ist ohnehin immer mit erheblichen Verlusten verbunden.

Behling setzt mit seinen Bildbearbeitungen eher frei, was sich im individuellen und kollektiven Bildgedächtnis abgelagert hat und regt zur Re-Vision und Selbstbesichtung an. Dass hier und da nicht gleich entschieden werden kann, was „gefunden“ und was „gemacht“ ist, dürfte ihm ganz recht sein. Damit wird augenfällig, dass die Wahrhaftigkeit der Bilder auf dünnem Eis fußt, nämlich auf dem, was wir für möglich und wert halten, auf unserer Wahrnehmung und Urteilskraft.

 

Rainer Beßling

Erschienen am 11. September 2008 in der Kreiszeitung

Achimer Kreisblatt, Verdener Aller-Zeitung, Diepholzer Kreisblatt, Sulinger Kreiszeitung, Wildeshauser Zeitung, Thedinghäuser Zeitung